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Hey du – und schön, dass du hier bist!
Vielleicht kennst du das auch: Du kommst ins Dōjō und schleppst den ganzen Alltag mit rein. Der Kopf brummt, die Laune ist irgendwo im Keller, vielleicht hattest du Stress in der Schule, im Job oder einfach zu viele Gedanken auf einmal. Und dann – nach dem Training – gehst du urplötzlich leichter, entspannter, fröhlicher und manchmal sogar richtig euphorisch wieder raus.
Wir erleben dieses Phänomen seit Jahrzehnten immer wieder – und unsere Schüler sowie Schülerinnen (selbst die Kleinsten!) erzählen begeistert davon.
Achtsamkeit – was steckt dahinter?
Achtsamkeit heißt im Kern: Aufmerksamkeit für den jetzigen Moment. Nicht gestern. Nicht morgen. Jetzt.
2020 fanden die Wissenschaftler Julie Tseng und Jordan Poppenk von der Queens University in Kingston (Ontario, Kanada)[1] heraus, dass wir im Schnitt rund 6.200 Gedanken am Tag haben. Egal ob viele oder „nur“ ein paar Tausend – unser Kopf läuft im Dauerbetrieb. Die Gedanken drehen sich aber so gut wie nie um das, was gerade passiert. Sie hängen in der Vergangenheit oder jagen der Zukunft hinterher. Der gegenwärtige Moment dagegen ist still. Gedankenlos. Und genau das ist schwer auszuhalten, weil unser Kopf selten freiwillig Pause macht.
Stress durch Gedanken – und warum er uns so mitnimmt
Eckhart Tolle , ein deutscher Bestsellerautor, betont es unter anderem in seinem Buch „Jetzt! Die Kraft der Gegenwart“ sowie bei einigen seiner Vorträge, die zusammenfassend auch als Hörbuch unter dem Titel „Es ist immer Jetzt“ erschienen sind, dass das wirkliche Leben nur im gegenwärtigen Moment statt findet; Leid entsteht vor allem dadurch, dass der Mensch gedanklich in Vergangenheit und Zukunft gefangen ist. Innere Freiheit entsteht, wenn man sich nicht mehr mit dem ununterbrochenen Gedankenstrom und dem Ego identifiziert, sondern bewusst im „Jetzt“ präsent ist – wach, aufmerksam, ohne inneren Kommentar.
Mit einfachen Worten bedeutet es: Die Vergangenheit ist vorbei. Die Zukunft gibt es noch nicht. Das Einzige, was real ist, ist jetzt. Stress entsteht, wenn dein Körper zwar im Jetzt steht, dein Kopf aber sonst wo unterwegs ist. Entweder du spielst vergangene Situationen zum hundertsten Mal durch – oder du sorgst dich über Dinge, die noch nicht passiert sind.
Warum Aikidō der perfekte Gedanken-Reset ist
Im Kampfkunsttraining ist kein Platz für Grübelei. Wenn ein Angriff auf dich zukommt, denkst du nicht darüber nach, was du später einkaufen willst oder ob du gerade auf Toilette musst. Dein Körper braucht dich wach, fokussiert, im Moment.
Und spätestens beim Training mit Waffen wird klar:
- Gedanken = Ablenkung
- Ablenkung = unachtsam
… und das möchtest du nicht, wenn ein Holzschwert in deine Richtung unterwegs ist (natürlich üben wir rücksichtsvoll – aber Konzentration muss sein).
Im Dōjō übst du automatisch:
- Achtsamkeit
- Wahrnehmung
- Reaktionsfähigkeit
- Präsenz im Jetzt
Mit der Zeit reagierst du schneller, klarer und ohne großes Nachdenken über die richtige Technik. Du bist einfach da. Komplett.
Wenn du dich jemals in einer Notsituation auf Leben und Tod befunden hast, wirst du wissen, dass es da kein Problem gab. Der Verstand hatte keine Zeit, mit der Situation herumzuspielen und ein Problem daraus zu machen. In einer wirklichen Notlage hält der Verstand an – du wirst vollkommen gegenwärtig im Jetzt und eine unendlich viel größere Kraft übernimmt die Führung.
Gute Ideen brauchen Stille – die Wissenschaft bestätigt es
Wir kennen das selbst: Manchmal kommen Schüler und Schülerinnen mit Problemen ins Training, die riesig wirken – und nach dem Training sind sie plötzlich halb so schlimm. Oder die Lösung liegt plötzlich klar vor einem. Warum? Weil der Kopf schlichtweg mal eine Pause nehmen durfte.
Studien zeigen:
- 2020 – Jacobs University Bremen: Zusammenhang zwischen Kreativität und Impulskontrolle. Wer Gedanken und Emotionen besser regulieren kann, findet klarere Lösungen.[2]
- 2024 – Konferenz „Bridging Fields in Creativity Research“ in Oppenheim: Experten und Expertinnen diskutierten, wie kreative Ideen entstehen – unter anderem durch mentale Ruhe und fokussierte Wahrnehmung.[3]
Kurz gesagt:
Wenn dein Kopf still wird, kann Kreativität überhaupt erst richtig loslegen.
Das Fazit
Beim Aikidō-Training passiert etwas ziemlich Überraschendes:
Du kommst mit Druck rein – und gehst raus, wenn der Überdruck sicher entwichen ist und alles wieder stabil läuft.
Mit dieser Metapher meinen wir natürlich nicht die allbekannten Flatulenzen (Blähungen), sondern beim Aikidō-Training lernst du, voll im Moment zu sein. Das beruhigt deinen Geist, entspannt deinen Körper – und sorgt dafür, dass du „voll“ ins Training kommst, aber „leer“ und fröhlich wieder gehst.
Es ist so als würdest du ein Aquarium betreten, in dem jemand gerade Sand aufgewirbelt hat – und gehst, wenn sich der Sand wieder gelegt hat und das Wasser wieder klar wird.
Also: Gönne deinem Kopf mal eine Pause. Komm zum Training.
Und zwar – wie Eckhart Tolle sagt – JETZT.
