
Aikidō-Stil: Kōrindō Aikidō
Das Kōrindō Aikidō ist ein spezifischer Aikidō-Stil, der von Hirai Minoru (* 1903; † 1998) ab 1938 entwickelt wurde. Diese Kampfkunstform unterscheidet sich durch eine klare Betonung auf kreis- und kugelförmige Bewegungen von anderen Aikidō-Stilen und integriert Prinzipien aus dem klassischen Jiu-Jitsu (柔術, Jūjutsu) sowie aus anderen japanischen Kampfkünsten. Der Name Kōrindō-Aikidō geht auf das Haupt-Dōjō von Hirai Minoru zurück, dem Kōrindō-Dōjō, das 1953 in Tokio gegründet wurde.
Die Ursprünge des Begriffs „Aikidō“ und Hirai Minorus Einfluss
Hirai Minoru spielte eine wichtige Rolle bei der formellen Einführung des Begriffes „Aikidō“ im Rahmen des Dainippon Butokukai (大日本武徳会, 1895-1946 – gegenwärtig bezeichnet als Dai Nippon Butoku Kai, kurz DNBK), einem großjapanischen Kampfkünsteverband im Jahr 1942. Zu dieser Zeit war der DNBK die führende Organisation zur Förderung der japanischen Budō-Künste. Ueshiba Morihei (Ō-Sensei), der allgemein als der Begründer des Aikidō gilt, hatte den Begriff bereits vor dieser formellen Anerkennung in verschiedenen Variationen (wie Aiki-jūjutsu oder Aiki-Budō) verwendet. Hirai trug jedoch maßgeblich dazu bei, den Begriff „Aikidō“ offiziell zu etablieren und die Kampfkunstform innerhalb des DNBK zu vertreten.
Näheres zur Namensgebung des Aikidō findest Du unter dem Reiter: Geschichte.
In der Nachkriegszeit, als westliche Sportarten in Japan immer populärer wurden, zielte der DNBK darauf ab, die traditionellen japanischen Kampfkünste zu bewahren und deren Bedeutung im Bildungswesen zu stärken. Hirai Minoru wurde zum Hanshi (oberster Lehrmeister) ernannt und vertrat dort ein integriertes Budō-System, das Elemente verschiedener Kampfkünste mit und ohne Waffen in sich vereinte. Es war sein Ansatz, die unterschiedlichen Disziplinen, die bis dahin getrennt gelehrt wurden, zu einer einheitlichen Lehre zusammenzuführen, die später unter dem Namen Kōrindō Aikidō bekannt wurde.
Das Kōrindō-Aikidō-System
Das Training des Kōrindō Aikidō ist in drei Hauptstufen unterteilt:
- Tai Sabaki: Dies sind Bewegungsformen, die auf kreis- und kugelförmigen Drehungen beruhen und die Grundlage des gesamten Kōrindō-Systems bilden. Es gibt acht Taisabaki-Formen, die den Übenden helfen, essentielle Fähigkeiten wie Yawara (Geschmeidigkeit) und Koshi-mawashi (Hüftrotation) zu entwickeln. Diese Bewegungen sollen nicht nur in den unbewaffneten Techniken (Tai Jutsu, Taijitsu), sondern auch im Umgang mit Waffen wie Schwert (Kenjutsu) und Stock (Jōjutsu) angewendet werden.
- Kata (Bewegungsablauf): Dies sind Partnerübungen, die im Kōrindō-Aikidō nicht das Endziel des Trainings darstellen, sondern den Übenden helfen sollen, die Prinzipien von Bewegung und Körpermechanik zu verstehen. Sie sind weniger technikzentriert als in anderen Aikidō-Stilen, was den Fokus auf die zugrundeliegenden Prinzipien verstärkt.
- Randori (freie Technik): Der freie Kampf oder die freie Übung, die eine Annäherung an reale Kampfsituationen darstellt. Dabei gibt es verschiedene Formen wie das Enrandori, eine verlangsamte Variante, bei der die kreisförmigen Bewegungen besonders betont werden, oder Ransen, bei dem mehrere Angreifer gegen einen Partner kämpfen.
Hirai Minoru betonte, dass jede reale Kampfsituation einzigartig ist und keine zwei Situationen jemals völlig gleich sein können. Daher beruht der Erfolg in einer Konfrontation auf der Fähigkeit, sich an die gegebenen Umstände anzupassen und mit natürlichen, fließenden Bewegungen zu reagieren. Diese Philosophie wird durch das zentrale Prinzip der kreis- bzw. kugelförmigen Drehungen umgesetzt, die die Grundlage für alle Bewegungen im Kōrindō Aikidō bildet.
Koshi-Mawashi und die Bedeutung des Zentrums (Hara)
Ein zentrales Konzept im Kōrindō Aikidō ist das Prinzip der Koshi-mawashi, was wörtlich „Hüftrotation“ bedeutet. Diese rotationsartigen Bewegungen sind auf das Hara (Zentrum des Körpers) fokussiert, von dem aus alle Bewegungen beginnen sollen. Dies ermöglicht es dem Übenden aus der Balance heraus zu handeln und fließende, durchgehende Bewegungen ohne Ruck oder Unterbrechung auszuführen. Der knappe Fußabstand, der in den Bewegungsformen verwendet wird, soll die Stabilität und Mobilität gleichermaßen fördern.
Entwicklung der Dōjō und der Kōrindō-Aikidō-Organisation
Hirai Minoru gründete 1938 sein erstes eigenes Dōjō, das Kōkadō in seiner Heimat Okayama. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gründete er 1945 ein weiteres Dōjō in Shizuoka und 1953 schließlich das Kōrindō-Dōjō in Tokio, das als Hauptsitz (Honbu Dōjō) seiner Aikidō-Organisation fungierte. Diese Dōjōs fasste Hirai zur Organisation Kōrinkai zusammen und von dort verbreitete sich der Stil des Kōrindō-Aikidō.
Beziehung zwischen Hirai Minoru und Ueshiba Morihei
Obwohl Hirai Minoru und Ueshiba Morihei (Ō-Sensei) miteinander in Kontakt standen und sich gegenseitig respektierten, war Hirai nie ein direkter Schüler von Ueshiba Morihei. Sie trafen sich in der Präfektur Okayama, wo Hirai zeitweise das Management und die Trainingsleitung von Ueshibas Dōjō übernahm, während Ueshiba die Kriegszeit in Iwama verbrachte. Dennoch folgten beide unterschiedliche Wege in ihrer Interpretation von Budō. Hirai erkannte, dass sein Ansatz grundlegend anders war als der von Ueshiba und entschied sich, sein eigenes System weiterzuentwickeln. Wie in verschiedenen Quellen betont wird, war Hirai daher kein Schüler Ueshibas im traditionellen Sinn, sondern ein Zeitgenosse und Mitstreiter, der seine eigene Philosophie von Aikidō verfolgte.
Fazit
Das Kōrindō Aikidō ist ein Aikidō-Stil, der durch seine Betonung auf kreisförmige Bewegungen und die Integration von Waffen- und unbewaffneten Techniken geprägt ist. Hirai Minoru, der Entwickler dieses Stils, trug maßgeblich zur Etablierung des Begriffs „Aikidō“ im Dainippon Butokukai bei, entwickelte jedoch seine eigene Interpretation von Budō. Das Training im Kōrindō Aikidō ist systematisch aufgebaut und zielt darauf ab, die natürliche Reaktion auf Kampfsituationen durch fließende Bewegungen zu verbessern.
Zur Übersicht der Aikidō-Stilrichtungen gelangst Du hier: Stilrichtungen
Japanische Namen
Wie in Japan üblich, steht der Familienname vor dem Vornamen. In diesem Beitrag halten wir uns daher an diese Schreibweise japanischer Namen.