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Wenn du zum ersten Mal ein echtes Aikidō-Dōjō betrittst und an deinem ersten Probetraining teilnimmst, fragst du dich vielleicht: Was muss ich eigentlich anziehen? Keine Sorge, wir nehmen dich mit auf einen kleinen Rundgang und stellen dir die traditionelle Trainingskleidung im Aikidō näher vor. Die ist nämlich mehr als nur eine praktische Sportkleidung – sie steckt voller Geschichte, Werte und auch ein bisschen Samurai-Spirit.
Uwagi – die Jacke
Die Jacke ist aus dickem Baumwollstoff und wird in einer speziellen Webart wie der Canvas- oder Reiskornwebung gefertigt. Somit hält sie beim Rollen ordentlich was aus und schützt dich vor Abschürfungen oder blauen Flecken. Die Ärmel sollten höchstens 3/4-Länge haben, sonst bleiben Übungswaffen gerne mal darin hängen.
Ganz wichtig: Die linke Seite der Jacke wird stets über die rechte gelegt, da diese Anordnung in Japan ein Zeichen für das Leben und der Achtung ist. Das Tragen der Jacke andersherum (rechts über links) gilt in Japan vornehmlich bei der Trauer (z. B. bei Beerdigungen) – und das wollen wir beim Training nun wirklich nicht ausdrücken! Mit dem korrekten Tragen der Uwagi entgehst du demnach Missverständnissen und drückst gleichzeitig Respekt gegenüber der japanischen Kultur, der Lehrkraft und der Gruppe aus. Diese Regel gilt übrigens bei anderen Kampfkünsten wie z. B. Karate, Jūdō und Iaidō ebenfalls bzw. sie gilt im gesamten Budō.
Traditionell tragen Kampfkünstler unter der Jacke kein weiteres Kleidungsstück wie z. B. ein T-Shirt. Kampfkünstlerinnen hingegen tragen meist einen Sport-BH und/oder ein atmungsaktives Top. Sollte die Jacke jedoch oben am Hals nicht ausreichend schließen, empfiehlt sich darunter ein weißes T-Shirt zu tragen. Generell wird die Jacke über die Hose gezogen.
Zubon – die Hose
Die Hose muss vor allem stabil und praktisch sein. Eine Knieverstärkung ist Gold wert, damit sie auch beim Rollen sowie Fallen lange hält. Die Hosenlänge? Am besten bis zum Knöchel – nicht länger, damit sie nicht als Stolperfalle über den Boden schleift. Viele Hosen haben noch Bänder oder Schnüre zum Zubinden, aber ein Gummizug finden wir deutlich praktischer (besonders für Kinder).
Obi – der Gürtel
Der Obi (nicht zu verwechseln mit dem gleichnamigen Baumarkt) hält alles zusammen. Im Aikidō meist einheitlich weiß, in manchen Verbandsschulen aber auch mit eigenen Farben und Regeln.
So bindest du deinen Obi richtig
Gürtelbinden klingt leichter, als es ist – aber zum Glück gibt es dafür ein Video: „Aikidō Gürtel (Obi) richtig binden!“. Dieses Video findest du auf unserem YouTube-Kanal "@aikido-viersen oder direkt unter dem folgenden Link
. Es zeigt dir visuell wie du den Obi korrekt bindest. Es sei angemerkt, dass es viele verschiedene Arten der Bindung gibt; die im Video gezeigte ist jedoch die eleganteste Form des Gürtelbindens.
Der Obi als Schmuckstück für den Kimono
Der Obi wird aber nicht nur zum Keikogi getragen, sondern findet auch als klassischer Kimonogürtel Verwendung. Hierbei gibt es zahlreiche Arten für unterschiedliche Kimonotypen und Anlässe, wie z. B. Maru-Obi, Nagoya-Obi, Fukuro-Obi oder Hanhaba-Obi. Dabei ist der Obi beim Kimono meist breiter, länger und dekorativer als der schlichte Obi des Keikogi. Dieser hat ebenfalls den praktischen Nutzen zum Verschließen des Gewandes, aber dient darüber hinaus auch als wichtiges Schmuckstück. Demzufolge steht die japanische Bezeichnung Obi für den Gürtel sowohl am Kimono als auch am Keikogi oder anderen traditionellen Bekleidungen.
Tabi und Jika-tabi – die Socken
Beim Aikidō wird standardmäßig auf der Matte barfuß trainiert – das gibt Halt und ein gutes Gefühl für die Bewegungen. Dann gibt es noch die sogenannten Tabi, traditionelle japanische Socken, die durch eine Abtrennung zwischen dem großen Zeh und den anderen Zehen gekennzeichnet sind und oft knöchelhoch getragen werden.
Kyūdō (japanisches Bogenschießen)
Sie werden vor allem zu traditionellen japanischen Sandalen wie den Zōri getragen. Allerdings werden Tabi auch bei Kampfkünsten wie Kyūdō (japanisches Bogenschießen) als Teil der Trainingskleidung verwendet, besonders die verstärkte Variante namens Jika-tabi, die zusätzlich eine Gummisohle besitzt und wie Schuhe getragen wird.
Zōri – die Sandalen
Die Zōri sind wie schon bereits erwähnt traditionelle japanische Sandalen. Da wir das Dōjō aus praktischen und hygienischen Gründen nicht mit Straßenschuhen betreten, schlüpfen wir auf dem Weg zur Trainingsmatte daher in die Zōri. Natürlich tun es auch ganz normale Flipflops, Hauptsache, sie sind schnell und ohne große Verrenkungen anzuziehen.
Zōri richtig platzieren
Wir drehen uns also mit dem Rücken zur Mattenfläche und streifen die Zōri am Mattenrand ab, sodass wir beim Verlassen der Trainingsmatte mit Leichtigkeit wieder in die Zōri ohne große Anstrengungen schlüpfen können. Früher mussten die Samurai im Notfall blitzschnell aus dem Dōjō rennen. Darum standen die Zōri immer schon richtig herum am Rand und es gab keinen Zeitverlust beim Anziehen.
Hakama – der Faltenrock
Früher oder später stolperst du (manchmal wortwörtlich) über den Hakama – einen weiten Faltenrock mit Beinen. Meist tragen ihn Fortgeschrittene, aber wann genau, das entscheidet jeder Verband und jede unabhängige Schule selbst.
Der Hakama erinnert an die Samurai-Zeit: Er bot aus historischer Sicht Schutz beim Reiten, verbarg beim Kampf die Füße und war ein Symbol für Würde und Verantwortung. Demzufolge hatte er also in erster Linie einen praktischen Nutzen.
7 Falten und deren Tugenden
Insgesamt hat der Hakama sieben Falten. Fünf vorne und zwei hinten. Vorne links gibt es drei Falten und rechts zwei Falten. Früher wurde der Hakama aus richtig schwerem Stoff genäht. Damit Samurai ihr Schwert schnell ziehen konnten, ließ man auf der rechten Seite etwas mehr Bewegungsfreiheit – also nur zwei Falten.
Im Zuge der Popularisierung der Kampfkünste im 20. Jahrhundert, insbesondere ab der Meiji-Zeit, sprach man den einzelnen Falten des Hakama zusätzlich eine gewisse philosophische Bedeutung zu. Dabei steht jede einzelne Falte für eine Tugend, die man beispielsweise in der Kampfkunst Aikidō trainiert und im Alltag leben kann – von Menschlichkeit über Aufrichtigkeit bis Loyalität.
Kurz: Der Hakama ist aus heutiger Sicht nicht nur stylisch und von traditioneller Bedeutung, sondern auch ein kleiner Reminder, also eine Gedächtnisstütze, für deine persönliche Entwicklung. Er erinnert dich jedes Mal daran, woran du arbeitest – auf der Matte und darüber hinaus.
In modernen Budō-Schulen und Martial-Arts-Literatur, z. B. bei Mitsugi Saotome („Die Prinzipien des Aikido“), findet man detaillierte Erklärungen zur symbolischen Bedeutung des Hakama und seiner Falten, meist mit Verweis auf die konfuzianischen Werte, die im Japan der Moderne großen Einfluss hatten. Die Zahl und Bedeutung der Falten und Tugenden variiert in der Literatur teilweise – fünf oder sieben Falten und unterschiedliche Tugenden werden genannt.
Aus der modernen Literatur übernommen, werden den Falten des Hakama beispielhaft folgende sieben Tugenden zugeschrieben:
- Jin (仁) – Menschlichkeit, Güte
- Gi (義) – Gerechtigkeit, die rechte Entscheidung
- Rei (礼) – Höflichkeit/Etikette
- Chi (智) – Weisheit/Intelligenz
- Shin (信) - Aufrichtigkeit
- Chūgi (忠義) – Loyalität
- Meyio (名誉) – Pietät/Ehre/Respekt
Die beiden letztgenannten beziehen sich auf die beiden hinteren Falten des Hakama. Einige Aikidō-Lehrmaterialien thematisieren die Symbolik regelmäßig, weisen aber darauf hin, dass es sich eher um eine moderne Tradition als um eine durchgängig überlieferte Bedeutung handelt.
Wie trägt man den Hakama richtig?
Der Hakama soll die Fußstellung verstecken, damit du deinen Gegner oder deine Gegnerin mit schnellen Bewegungen überraschen kannst. Darum sollte der Hakama bis über die Knöchel reichen und bei leicht gebeugten Knien die Füße verhüllen. Die weiße Hose (Zubon) darunter darf am Knöchel nicht raus gucken – das gehört sich einfach und zeigt, dass du die nötige Sorgfalt mitbringst.
Warum gibt es den Hakama in verschiedenen Farben?
Kurze Antwort: Die Farben haben historische, praktische und symbolische Gründe, und die genaue Bedeutung hängt vom Verband oder der unabhängigen Schule ab.
Aus historischer Sicht: Früher waren natürliche Färbemittel teuer und nicht überall gleich verfügbar. Traditionell war Indigoblau (Aizome) die verbreitetste Farbe, da das Färben mit Indigo günstig und robust war. Schwarz war lange teuer und erst mit synthetischen Farbstoffen üblich.
Symbolik heute:
- Dunkelblau: Ist häufig bei Schülern gebräuchlich.
- Schwarz: Gilt heutzutage oft als Zeichen von Erfahrung oder höherem Rang (Lehrende, Fortgeschrittene).
- Weiß: Wird traditionell mit Reinheit und besonderen Zeremonien verbunden. Wird also meistens von Großmeistern und zu besonderen Anlässen getragen.
- Grau und gestreift: Sind für zeremonielle Anlässe üblich, zum Beispiel Hochzeiten oder Teezeremonien.
Manche Aikidō-Schulen wählen Farben aus rein praktischen Gründen (z. B. Schmutz weniger sichtbar) oder ästhetisch, und manche Schulen erlauben kreative Varianten bei Aufführungen oder Events.
Wichtig: Es gibt keine weltweiten Regeln – jede Schule, jeder Verband und sogar jede Region kann andere Konventionen haben. Die Vielfalt der Hakama-Farben ist ein Spiegel für den Wandel von Tradition, Rangsymbolik und Zweckmäßigkeit. Die Deutung und Anwendung der Farben kann – je nach Kampfkunst, Schule, Region, Epoche und Anlass – unterschiedlich sein.
Und was brauchst du am Anfang?
Ganz einfach: Gar nichts Besonderes! Für dein erstes Training reichen eine bequeme lange Jogginghose und ein langärmeliges Shirt völlig aus. Wenn dich das Aikidō-Fieber packt, dann schaue dir unsere Mitgliedschaften einmal genauer an. Wenn du auf langfristige Entwicklung und persönlichen Fortschritt setzt, legen wir dir die 2-Jahres-Mitgliedschaft ans Herz – denn da bekommst du obendrauf exklusive Extras wie z. B. einen kostenlosen Keikogi (Trainingsanzug), Sporttasche, Zōri (Zehenstegsandalen) und sogar zusätzlichen Einzelunterricht obendrauf – und irgendwann vielleicht sogar deinen eigenen Hakama.
Das Fazit
Am Ende ist die Aikidō-Kleidung weit mehr als nur ein Trainingsanzug für sportliche Bewegung. Jeder Faden, jede Falte und sogar die Art, wie du deine Jacke bindest, erinnert dich daran: Hier geht es nicht nur ums Fallen und Aufstehen, sondern auch ums Wachsen.
Der Gi zeigt dir, dass Einfachheit stark macht. Der Obi erinnert dich daran, dass manchmal ein „einfacher“ Knoten alles zusammenhält – im Training wie im Leben. Die Zōri sagen dir, dass du mit Respekt über die Schwelle gehst und den Alltag hinter dir lässt, bevor du die Matte betrittst. Und der Hakama? Er flüstert dir zu, dass sieben Falten mehr sein können als nur eine praktische Anwendbarkeit: Sie sind kleine Erinnerungszettel an Werte, die größer sind als jede Technik.
Natürlich, beim ersten Probetraining reicht eine Jogginghose und ein langärmliges Shirt völlig aus. Aber irgendwann wirst du merken: In der traditionellen Aikidō-Kleidung steckt ein Stück Kultur, Verantwortung und auch ein wenig Magie. Und ganz ehrlich – wer hat nicht schon mal davon geträumt, im weiten Hakama über die Matte zu schreiten und dabei ein kleines bisschen wie ein Samurai auszusehen?
Also: Ob du gerade erst deine ersten Schritte im Dōjō machst oder schon seit Jahren trainierst – die Aikidō-Kleidung ist mehr als bloß ein Outfit. Sie begleitet dich wie ein stiller Partner: Mal fordert sie dich heraus, mal gibt sie dir Halt, und manchmal bringt sie dich einfach nur zum Schwitzen (ja, wir schauen dich an, Hakama). Gleichzeitig erinnert sie dich daran, dass Techniken alleine nicht alles sind – wahre Entwicklung zeigt sich dort, wo Technik auf Respekt trifft, Haltung den Weg bestimmt und die Freude am Üben dich immer wieder zurück auf die Matte ruft.








